Traumreise  
REISETAGEBUCH/FOTOS/DER TRAUM///KONTAKT  

  2013 Indonesien
2008-2009 Spanien
2006-2007 Westeuropa-Marokko
2004-2005 Indien
2004  Russland - Kasachstan

 



Am Montag machen wir in Vologda Besorgungen bevor wir uns in die östlichen einsamen Gegenden wagen. Auch hier werden wir wieder von der Polizei angehalten. An Städten gibt es überall feste Kontrollstationen. Mit unserem Auto fallen wir natürlich auf. Und meistens wollen die Polizisten auch nur ein Blick auf unser Auto werfen. Alle sind sehr nett. Wir fahren weiter. Je östlicher wir kommen, um so weniger Straßen gibt es. Wir müssen einige Umwege fahren. Die Straßen werden schlechter, die Wälder immer dichter, die Dörfer immer älter und verlassener. Man sieht verfallene Fabriken, Landwirtschaftsbetriebe. Viele Häuser stehen leer und verfallen ebenfalls. Kein Wunder. In der Stadt ist alles viel moderner. Auf den Dörfern wird noch mit Holz geheizt. Warm Wasser aus der Wand ist Luxus. Die Strom- und Telefon-Holzmasten sehen nicht gerade modern und vertrauenswürdig aus. Oft sehen wir Kirchen bzw. ihre Ruinen, die an bessere Zeiten erinnern. Wir fahren in höhere Gebiete. Es wird kälter. Wir bemerken erst nicht die gelben Blätter an den Bäumen. Dann aber frieren wir nachts und stellen am Morgen um 9.30 Uhr nur 10 Grad fest. Selbst um die Mittagszeit werden es nur 14 Grad. Was für eine Umstellung. Wir holen unsere Winterjacken raus. Um schneller in den Ural zu kommen und nicht so große Umwege fahren zu müssen, wollen wir Abkürzungen fahren. Wir haben uns in Vologda eine Straßenkarte, die uns sehr gut erschien, gekauft. Am Dienstag kommen wir so in ein Dorf, wo wir laut Karte einfach nur durchfahren sollen. Tatsächlich gibt es aber eine Umgehungsstraße und wir probieren mehrere Straßen aus. Letztendlich fragen wir Leute nach dem Weg in dem wir den nächsten Ort angeben. Die weisen uns auf einen verschlammten Feldweg. Das war ja wohl ein Witz. Also fragen wir unseren Kompass und finden eine Straße bzw. einen festgefahrenen Weg, der zumindest in die richtige Richtung führt. Der Weg ist holprig, aber laut Karte soll es auch nur für eine kurze Strecke eine winzige Nebenstraße sein. Der Weg wird schlammiger und führt durch ein völlig verlassenes Dorf. Wir fragen uns: “Ist das der nächste Ort auf der Karte?” Wir werden skeptisch, aber irgendwohin muss der Weg ja führen, sonst gäbe es ihn ja nicht. Es geht leicht bergab. Der Pfützen werden größer und tiefer. Es wird schwierig durchzukommen. Stephan gibt Gas. Jana fotografiert. Der Schlamm spritzt. Wir haben Spaß. Noch! Denn 2 min später ist es zu spät. Wir sind festgefahren! Aber richtig (siehe Fotos)! Das Auto hat komplett aufgesetzt inkl. Hänger. Scheiße! Na ja. Stephan meinte am Morgen noch so: “Heute hätte ich mal Lust auf ein Abenteuer!” Jetzt hatten wir eins. Nun gut. Es nieselte zwar ein bisschen, aber wir waren guten Mutes. Schaufeln, Hilift raus und Wagen anheben, Sandbleche drunter, noch mehr schaufeln, überall Dreck an den Klamotten. Nach 2 Stunden war es geschafft. Juchu, wir waren draußen! Aber die nächste Hürde wartete schon. Der Weg wurde schmaler, links und rechts ein kleines fließendes Bächlein und in der Mitte des Weges niedliche kleine Pfützen, in denen klein Jana mit ihren Gummistiefeln nicht stehen konnte. Diesmal stiegen wir vorher aus und berieten. Was tun? Zurück oder durch? Wir legten die Sandbleche hin und Stephan gab einfach Gas. Der Schlamm spritzte meterhoch, aber wir waren durch. Ach, das war ja einfach. Wir fuhren jetzt durch den Wald, der Weg wurde etwas besser. Doch leider nur ein kurzes Stück. Nach ca. 2 km dann das Aus. Hier kamen wir beim besten Willen nicht durch. Auf 300 m halbe Meter hohe Schlammspurrillen. Selbst zu Fuß kam man da nicht durch. Wir sahen jedoch dahinter ein Auto, besser gesagt ein riesigen Uraltruck. Vor gings nicht und zurück, nun ja, noch mal festfahren? Oder besser wäre, wenn uns ein Truck da durch ziehen würde. Also stampften wir am Wegesrand dahin und fanden ein Holzfällercamp vor. Draußen stand ein Mann, der ganz nett wirkte. Wir konnten uns leider nicht so gut verständigen. Er wollte uns den Weg auf der Karte zeigen, wir wollten einfach nur zurück auf eine feste Straße. Wir gaben auf und gingen zurück vorbei an einen Bauwagen, wo 2 Männer rauslugten. Die Tür ging auf. Wir hörten Gelächter. “Idti sjuda” (Kommt her), hörten wir. Da wurde uns mulmig und wir nahmen die Beine in die Hand. Wir wollten gerade den Rückwärtsgang einlegen, da kam der nette Mann. Wir sollten warten. Er würde seinen Kollegen fragen, der den Truck fährt. Okay. Wir saßen durchnäßt und hungrig im Auto. Es war halb 8 und es wurde bald dunkel. Nachdem eine Weile nichts passierte, beschlossen wir es selbst zu probieren. Wir kannten ja den Weg und seine Schikanen. Allerdings hatte es in den letzten 6 Stunden seit wir auf diesem verhängnisvollen Weg unterwegs waren ohne Unterbrechung geregnet, was natürlich nicht gerade unser Vorteil war. Die großen Pfützen meisterten wir wieder ohne Probleme. Dann kam das große Schlammloch, in dem wir schon mal 2 Stunden festsaßen. Stephan wollte mit Vollgas einfach durch. Jana meinte, dass es an der Seite rechts festen Boden gäbe. Da müsste es gehen. Gut, so machen wir es. Leichter gesagt, als getan. Jana wartete 50 m davor. Stephan gab Gas, Vollgas. So, jetzt muss das Auto aber aus der Spurrille raus auf den festen Boden. Jetzt aber! Mist! Es geht nicht. “Er schaffts nicht!” schrie Stephan aus dem Fenster. Das Auto kippte leicht. Jana schlug sich die Hände vors Gesicht. Oh Gott, gleich kippts um! Stephan gab Gas und die Räder greiften rechts wieder den Boden. Stephan gab noch mehr Gas. Der Schlamm spritzte, der Auspuff qualmte. Dann sackte das Auto links tiefer in die Spurrille und blieb stecken. ..... NEIN! ..... Das ist nicht wahr! Stephan kam nicht aus dem Auto. Seine Tür steckte mit fest. Er kämpfte sich auf der Beifahrerseite raus, schrie und fluchte was das Zeug hielt. Jana stand einfach nur fassungslos da. Es war 20 Uhr, fast dunkel. Wir waren durchgefroren, durchnäßt, hungrig und die Aussicht, dass hier jemand vorbei kommt und uns hilft war reine Utopie. Was tun? Schaufeln kannste vergessen. Dann kippt das Auto um. Hilift und Sandbleche kannste ebenfalls knicken. Zu allem Unglück ist die Anhängerkupplung fast komplett abgerissen. Möglichkeit 1: Unseren Greifzug ausprobieren. Aber wo festmachen und überhaupt, ne, das ging nicht. Das Auto saß zu tief. Möglichkeit 2: Zurück zum Dorf. Ca. 6-8 Kilometer Fußweg durch den Schlamm. Dann da jemanden finden, der einen großen Truck hat, der uns rausziehen kann. Und das alles auf russisch. Unmöglich. Möglichkeit 3: Zurück zu den Holzfällern. Scheiße! Wir bewaffneten uns mit Taschenlampe, Wörterbuch und der Digicam, mit Bild von unserem umgekippten Auto und stampften durch den Wald. Stephan hatte inzwischen riesengroße Blasen an den Hacken und Janas Halsschmerzen wurden auch schlimmer. Dann müssen wir eben jammern, die werden uns schon helfen! Nach einer halben Stunde erreichten wir das Camp. 2 Männer standen draußen. Wir zeigten das Foto. ‘Kein Problem! Kommt erst mal in unseren Bauwagen!’ In welchem dann noch 4 Männer auf alten Campingbetten lagen. *schluck* Wir sollen uns setzen. Das tun wir auch, sind aber zugegebenermaßen etwas eingeschüchtert und ängstlich. Tee wird uns angeboten. Nein, danke. 3 Männer gehen raus und machen den Truck klar. Wir atmen auf. Einer verletzt sich dabei an der Hand. Halb so schlimm. Es geht los. Wir steigen in den Uraltruck. Cool! Das macht Spaß! Was für ein Ungetüm. Um 22 Uhr sind wir an der Unglücksstelle. Sergej, der Fahrer, macht die Seilwinde klar. Stephan zeigt den beiden anderen, dass die Anhängerkupplung fast abgerissen ist. Alles kein Problem. Stephan steigt in unser Auto und die 2 anderen Männern versuchen das Auto beim Rausziehen festzuhalten, damit es nicht umkippt. Jana nimmt Sicherheitsabstand. Es sieht gewaltig aus wie der Riesen-Uraltruck unseren kleinen Gandalph das Leben rettet. Dann wird auch der kleine Hobbit rausgezogen. Der Anhänger wird festgemacht. Hauptsache wir kommen bis zum Dorf. Wir bedanken uns mit einem kleinen Trinkgeld, welches aber nur zur Hälfte angenommen wird. Sergej fragt uns, ob wir den Berg hochkommen. “Ja, das schaffen wir.” sagen wir. Aber wir kommen nicht mal 5 m. Schon wieder festgefahren. Der Truck zieht uns da raus, dann haben wir das große Schlammloch überwunden. Wir fahren weiter. Irgendwie erscheint uns der Weg jetzt viel schlammiger und überhaupt schlägt uns das Herz bis zum Hals. Den Berg kommen wir natürlich nicht hoch. Schnell Warnblick an und Stephan läuft zurück. Beinahe hätten sie uns nicht mehr gesehen. Der Truck kommt noch mal, zieht uns den Berg rauf und noch ein kleines Stückchen weiter bis unsere Anhängerkupplung komplett abreißt. Mist. Wir machen sie provisorisch am Trittbrett hinten fest. “Im Dorf kann sie jemand schweißen” meint Sergej. Wir bedanken uns total glücklich über die Hilfe. Das letzte Stück macht uns auch noch zu schaffen. Jana guckt alle 10 m aus dem Fenster, ob der Hänger noch da ist. Im Dunkeln ist die Strecke viel schlimmer. Dann kurz vor dem Dorf. Der Hänger ist weg. Wir fahren ein Stückchen zurück und finden ihn fast einen halben Kilometer hinter uns. Da hier Feld ist, bleiben wir hier einfach auf dem Acker für die Nacht stehen. Wir wollen einfach nur schlafen. Es ist halb 12 und wir sind total fertig. Wir hören draußen ein Geräusch. Klingt wie Schritte? “Hallo? Ist da jemand?” ruft Stephan aus dem Dachfenster. Keine Antwort. Das Geräusch ist mal links mal rechts. Es ist mit Sicherheit ein Tier. Wir beschließen, es einfach zu ignorieren.

Am nächsten Morgen sehen wir dann, dass es einfach nur ne Kuh war. Wir sehen unser Auto, dass von außen wie von innen total verdreckt ist. Wir sehen nicht viel besser aus, unsere Betten jetzt auch nicht. Während wir versuchen, uns da durchzukämpfen, kommt der Kuhhirte und sieht das Desaster. Er macht sich gleich auf den Weg zum Dorf, um seinen Freund, der schweißen kann Bescheid zu geben. Er fährt mit uns dahin und es wird uns auch gleich geholfen. Die Hängerkupplung wird geschweißt, kriegt auch noch eine Verstärkung und Zusatznaht ganz nach russischer Art wie der Dorfschlosser lachend meint. Unser Trittblech, dass auch einen Schaden hat, macht er gleich mit. Unser Magen knurrt. Wir brauchen nur dran zu denken und schon lädt uns der Nachbar Sergej auf eine Suppe ein. Das passt ja. In Russland ist man mit keinem Problem allein. Um 1 Uhr ist alles fertig. Auch hier dürfen wir wieder nur ein kleines Trinkgeld zahlen. Wir sind glücklich alles so gut überstanden zu haben. Es hat nichts dauerhaft Schaden genommen. Wir brauchen nur noch alles sauber zu machen und machen uns auf dem Weg Richtung Wolga. Hier gibt’s genug Wasser. Es sind zwar nur 14 Grad draußen, aber wir springen rein ins Wasser. Nach Tagen ohne Dusche und dem ganzen Schlamm ist einem die Kälte egal. Am Auto machen erst mal nur das Notwendigste sauber. Wollen uns lieber noch ein wenig ausruhen. Stephan macht ein Feuer, Jana das Essen. Auf einmal ruft Stephan: “Jana, ich hab mich geschnitten. ... tief ... richtig tief!” Und hält mit seiner rechten eine Stelle an der linken Hand fest. Wir werden beide blass. Stephan setzt sich, während Jana die Verbandssachen raussucht. Wir sehen uns die Wunde an. Eine tiefe Schnittwunde am Daumen, die eigentlich genäht werden muss. Es ist wieder spät abends. Jetzt alle Sachen zusammenpacken und losfahren, würde zu lange dauern. Wir kriegen das so hin. Wir säubern die Wunde, klammern sie mit Leukoplast und legen ein Verband drum. Der Schrecken sitzt schon wieder tief, aber wir sind sicher das Richtige getan zu haben. Tatsächlich sieht die Wunde am nächsten Tag schon besser aus. Da Stephan sie instinktiv gleich zusammengedrückt hat, ist sie nach wenigen Tagen komplett geschlossen und verheilt sehr gut.

Nach der ganzen Aufregung und dem schlechten Wetter (es ist einfach zu kalt für August) beschließen wir auf den Ural zu verzichten und lieber gen Süden zu fahren. Noch mehr Schlammerfahrungen brauchen wir nicht und mit Stephans Hand geht’s eh nicht. So fahren wir der Wolga entlang gen Süden. Das Licht (Blinker, Stopplicht) vom Hänger reparieren wir unterwegs. Auch hier kriegen wir wieder spontan Hilfe angeboten von 2 Männern, die in der Nähe eine Werkstatt haben. Aber es ist schon geschafft. Alles geht wieder. Den Rest der Woche erholen wir uns an der Wolga, die wirklich einschließlich ihrer Flußufer sehr beeindruckend ist. Und wieder kommt ein Mann vorbei, der uns Äpfel und Gurken schenkt, einfach so.