Traumreise  
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  2013 Indonesien
2008-2009 Spanien
2006-2007 Westeuropa-Marokko
2004-2005 Indien
2004  Russland - Kasachstan

  KW 41 - Sturm - Schnee - Frost



Astana, die Hauptstadt von Kasachstan, ist eine Stadt mit vielen “Hingucker-Gebäuden“. Das neue Regierungsviertel ist gerade am Entstehen. Auch ohne Stadtplan finden wir schnell die Botschaft von Aserbaidschan. Wir hoffen, dass wir nicht so lange auf unsere Visa warten müssen. Kein Problem, Dienstag Nachmittag können wir sie abholen! Juchu! Bis dahin nutzen wir die Zeit und besuchen ein Meeresaquarium, bummeln, surfen im Internet und bekämpfen wieder mal unsere Verdauungsprobleme. Am Dienstag kommen zu den Wolken auch noch ein kräftiger Wind auf. Und während wir weiterfahren, kommt er uns die ganze Zeit entgegen, so dass mehr als 60 km/h nicht drin sind. Und kalt ist es jetzt auch noch. So ein Mist, wollten wir doch den Winter in Deutschland entfliehen und jetzt holt er uns in Kasachstan ein! Nee, da wollen wir nicht draußen übernachten. Wir nehmen uns für die Nacht ein Hotel und kriegen die Luxussuite für’n Appel und ‘n Ei. Am nächsten Tag ist es vorbei mit guter Straße. Und dazu verfahren wir uns wieder. 40 km in die falsche Richtung, weil wir ein Schild übersehen haben. “Oh Mann, datt kann doch allet nich wahr sein.” Da sind wir extra früh aufgestanden, um weit zu kommen. Nee, alles für die Katz. Na ja, von nun an fragen wir lieber einmal mehr nach dem Weg. Das Wetter wird immer schlechter. Neben dem Sturm kommt nun auch Regen und Hagel dazu. Wir wollen abends wieder eine günstige Unterkunft nehmen. Doch ein Hotel finden wir nicht. Dann müssen wir eben in den sauren Apfel beißen, sagen wir uns. Wir ziehen unseren Regenplane ein und vielleicht finden wir bei jemanden im Dorf einen geschützten Platz, so dass der Wind wenigstens nicht reinpfeifft. Aber wir haben Glück. Wir treffen Ruslan. Er lädt uns zu sich nach Hause ein. Seine Mutter Rosa, eine kräftige und herzensgute Frau, kocht für uns. Ruslan, seine 3 Brüder und seine Schwester zeigen uns währenddessen ihren Nationaltanz: Lisginka (keine Ahnung, ob das so geschrieben wird). Das ist eine Art russischer Tanz bei dem die Männer die Frauen umschwärmen und dabei juchzen, mit den Fingern schnippen, die Beine schwingen, auf den Zehen umgedreht tanzen (AUA!) und sich auch mal auf den Knien fallen lassen, mit voller Wucht versteht sich. Die Frauen tanzen so, als würden sie von den Männern davon laufen. Der Rest der Gesellschaft sitzt im Kreis und klatscht. Wir werden aufgefordert mitzutanzen. Klar, Jana springt sofort auf und macht mit. Muss man ja mal ausprobieren! Klar, dass wir viel lachen. Die tschetschenische Familie bringt uns so viel Herzlichkeit und Offenheit entgegen, als wären wir keine Fremde sondern Freunde. Als wir dann am frühen Abend auf der Wohnzimmercouch einschlafen, hören wir im Nebenraum nur ein Flüstern. Sie nehmen sehr viel Rücksicht auf uns. Am nächsten Morgen bekommen wir nach einem kräftigen Frühstück sogar noch einen großen Beutel mit Proviant für unsere Reise. Darin sind all die Sachen, bei denen wir am Abend vorher besonders zugelangt haben. Wir sind total gerührt. Eine einfache Familie, die nicht viel hat und doch so viel gibt. Und sie freuen sich, dass wir ihre Hilfe dankbar annehmen. Jana bekommt sogar noch ein kleines Geschenk von Ruslans Schwester. Als wir raus zum Auto gehen, stellen wir fest, dass der Wind zwar weg ist, dafür aber eine Menge Schnee gefallen ist. Na super! Mit herzlichen Umarmungen und einigen Schneebällen verabschieden wir uns.

Nicht nur das Wetter auch die Straße wird immer schlechter. Wir fahren wieder Holperpiste und müssen auf Feldwegen der schlechten Straße ausweichen. Wir fragen uns, ob das wirklich die Hauptstraße ist, auf der wir lang müssen. Das ist sie, wie wir erfahren, aber es gibt eine Nebenstrecke, die besser ist. Also die 10 km, für die man eine halbe Stunde braucht, wieder zurück. Wir drehen gern um, froh auf dieser Straße nicht weiter zu müssen. Wir denken, schlimmer kann’s nicht kommen. Aber am späten Nachmittag erwartet uns dafür die schlechteste Straße schlechthin. War da mal Teer da? Abends fragen wir wieder bei einer Familie, ob wir unser Auto hier hinstellen können, um ein bisschen vor dem Frost geschützt zu sein. Wieder haben wir Glück. Wieder gibt’s Abendessen und wir können auf der Wohnzimmercouch schlafen. Wir sind froh, nicht draußen übernachten zu müssen. Am nächsten Tag kämpfen wir uns wieder fast den ganzen Tag über Feldwege und Straßen, auf denen kein Teer mehr zu erkennen ist. Von dem vielen Ruckeln tut uns der Rücken weh. Die Fahrerei ist so eine ganz schöne Strapaze auch für unseren Gandalph. Abends stellen wir uns in ein kleines Waldstück. Wir übernachten im Freien und mummeln uns dick ein. Wir brauchen ein Abend Ruhe und vor allem früh ins Bett gehen. Es ist schweinekalt. Am nächsten Morgen um 8 Uhr sind es noch minus 3 Grad. Und wir haben hinten rechts einen Platten! Hua! Bei der Kälte auch noch ‘nen Reifen wechseln. Aber die Sonne scheint endlich wieder. Wir packen schnell unsere Sachen zusammen, um während der Fahrt die Heizung anzumachen. Trotz der Schwierigkeiten, ist es schon irgendwie aufregend: Wie weit kommen wir heute, wird das Wetter besser, wo werden wir übernachten? So was ist uns lieber als irgendwelche Behördenkriege. Wir haben die größte Wegstrecke hinter uns. Vielleicht noch 500 km schlechte oder mittelmäßige Straße. Aber das freut uns, denn über 3000 km haben wir schon geschafft. Am Sonntag fahren wir ausnahmsweise ziemlich lange und es ist schon dunkel, während wir in Kulsary ankommen. Auf unserer Karte nur ein Dörfchen. Scheint aber nicht so klein zu sein, denn es gibt ein Hotel. Das ist aber so teuer, dass wie lieber wieder bei einer Familie anfragen und uns dort auf den Hof stellen. Während wir unser Dach aufklappen und uns bettfertig machen, wird der Hof immer voller. Neugierige Nachbarn, vor allem Kinder und Jugendliche kommen. Es wird gekichert und auch am Auto geklopft. Wir liegen im Bett und wollen schlafen, aber eigentlich ist es uns zu laut. Es klopft wieder am Auto. Einer ruft: “Passport!“ Hä?! Wir sind doch hier auf einem Privatgrundstück. Stephan klettert raus. “Passport, Miliz!“ wiederholt der Typ. Stephan will nach vorne gehen, um die Pässe zu holen. Fragt aber den Typen nach seinen Ausweis. Der kramt in seiner Tasche und hält Stephan kurz und blitzschnell etwas dicht vor die Augen. Stephan kann es jedoch als Zigarettenschachtel erkennen und lässt den Typen kalt abblitzen. So ein Spinner! Der Typ haut wieder ab. Eigentlich hätte uns das schon zu denken geben müssen. Wir wollen wissen, ob es Probleme gibt. Der Hausherr war unterwegs und kommt gerade wieder. Wir fragen ihn, und er meint, wir sollen uns ausruhen. Das wäre wohl nur ein betrunkener Nachbar. Wir liegen wieder im Bett und es fängt an zu regnen. Wir sagen uns, dass wir jetzt eigentlich die Regenplane einziehen müssten. Aber wir sind viel zu kaputt, um uns aufzuraffen. Wir hören jemanden hinten am Auto. Ratsch. Gleichzeitig klettert vorne jemanden auf die Motorhaube. Das kommt uns komisch vor. Ziemlich freche Kinder haben die hier. Stephan ruft laut und sie hauen wieder ab. Eigentlich müssten wir uns jetzt wirklich aufraffen und woanders hinfahren, denken wir uns. Wir sind kurz vorm einschlafen, da klopft es wieder am Auto. “Hello, we want communicate with you.” Jetzt müssen wir doch aufstehen. Die Familie, bei der wir stehen, hat ihre halbe Verwandschaft geholt, von der ein junges Mädchen perfekt englisch kann. Wir werden ins Haus eingeladen und sitzen gemütlich beisammen. Sie erzählen und zeigen uns viel von ihren Traditionen und Bräuchen. Es wird ein sehr herzlicher und interessanter Abend. Und wir sind froh, doch nicht wieder gefahren zu sein. Es gibt Weinbrand, und bei jeder Runde spricht ein anderer einen Toast auf uns. Wir müssen natürlich auch einen vom besten geben. Sie bitten uns, doch länger zu bleiben. Wir werden am nächsten Tag zum Essen eingeladen. Sie wollen uns ihre Stadt zeigen (also doch kein Dorf). Und wir können in die Banja, wenn wir möchten. Nach der vielen Fahrerei und den ganzen Strapazen nehmen wir das Angebot spontan an. Einen Tag ausruhen tut uns mal gut. Und außerdem freuen wir uns, etwas über die Menschen hier zu erfahren. Bisher war das aufgrund von Sprachschwierigkeiten nur begrenzt möglich. Es ist halb 1 Uhr als wir den Abend beenden und die Verwandtschaft fahren will. Als wir zu unserem Auto kommen, wundern wir uns, warum die Tür hinten nicht richtig zu ist. Der Schreck folgt. “Stephan, die Boxen sind weg! ..........und das Radio!” Uns stockt der Atem. Sofort greift Jana nach dem Rucksack, wo unsere Papiere und das Geld für die Fähre drin ist. Zum Glück alles noch da. Das Notebook ist auch noch da! Puh! Die Familie kommt und alles ist in heller Aufregung. Ein Schlafsack ist weg, Janas Winterjacke. Mist! Ausgerechnet bei der Kälte! Janas Uhr. Und das schlimmste: Stephans wichtigster Werkzeugkasten, den er fast jeden Tag im Gebrauch hat und wo auch die Felgenschloesser drin sind und ca. 80 Cds von Janas geliebter CD-Sammlung. Immer wieder wühlen wir das Auto durch, ob die Sachen vielleicht woanders liegen oder verrutscht sind. Stattdessen stellen wir noch mehr Verluste fest. Stephans Handy weg. Das Kontrolldisplay für unsere Solarbatterie, das auch eine Temperaturanzeige hatte, ist rausgerissen. Die gute Lucido LED-Taschenlampe. Unser Fernglas, so verpackt, dass sie es für einen Fotoapparat gehalten haben. Das Dachzelt ist am Fenster aufgeschlitzt. Da sind sie rein. Auf dieser Seite des Autos sehen wir auch, dass da ein Weg dicht am Grundstück vorbeiführt. So eine Scheisse! Warum haben wir unser Auto eigentlich heute nicht so dicht ans Haus gestellt? Und warum sind wir nicht vorher gefahren, als wir das Gefühl bei uns aufkam? Stephan erzählt das Erlebnis mit dem Typen, der unsere Passports sehen wollte. Das war tatsächlich ein Nachbar. Er kommt in Begleitung seiner Mutter. Stephan und er schreien sich an. Irgendwann dreht der Typ sich um und haut ab.

Der Hausherr fährt gleich mit Stephan zur Polizei. Wir sollen morgen vorbeikommen. dann werden Fingerabdrücke genommen. Aber instinktiv wissen wir, dass wir die Sachen nie wieder sehen. Die ganze Zeit sind wir wie betäubt und können es einfach nicht fassen. Klar, es sind nur materielle Dinge. Aber irgendwie hängt man doch an den Sachen. Vor allem, wenn man sie jeden Tag im Gebrauch hat.

Das ist das Ärgerliche daran. Nun gut, ein paar Nächte drüber schlafen. Man kann das meiste ja ersetzen. Der oder die Typen werden schon irgendwann ihre gerechte Strafe kriegen. Und das wichtigste, wir haben unser Geld, Papiere und das Notebook. Glück im Unglück, sagen wir uns.

Unruhig kommen wir endlich nachts um 4 Uhr ins Bett und wünschten, alles wäre nur ein Traum gewesen.