Traumreise  
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2008-2009 Spanien
2006-2007 Westeuropa-Marokko
2004-2005 Indien
2004  Russland - Kasachstan

  KW 42 - Auf zu neuen Ufern



Der Besuch bei der Polizei brachte natürlich gar nichts. Außer, dass wir erfahren, dass Kulsary eine Stadt mit 170.000 Einwohnern ist. Städte meiden wir eigentlich zum übernachten. Künftig werden wir wieder unsere nächtlichen Stellplätze vor dem Dunkelwerden suchen. So können wir uns einen besseren Überblick und vor allem ein sicheres Gefühl verschaffen. Es tut uns ein wenig leid, die Familie vor dem Kopf zu stoßen. Aber die Lust länger zu bleiben, ist uns nach dieser Nacht vergangen. Auf dem Basar besorgen wir uns das nötigste Werkzeug und fahren weiter. Zum Glück scheint die Sonne und es ist nicht mehr so kalt. Abends sind wir unschlüssig, wo wir übernachten. Wir fahren in ein kleines Dorf, diesmal nur mit 600 Einwohnern. Hier können wir bei einer Familie auf dem Hof stehen. Sie laden uns zum Essen ein und wir sollen im Haus übernachten. Wir erklären dem Hausherr, was uns letzte Nacht passiert ist und dass wir lieber im Auto schlafen möchten. Das Abendessen wird dafür lang und reichhaltig. Zum Tee gibt’s selbstgebackenes Brot (köstlich!), Salat und verschiedene Leckereien. Und wieder gibt es Schnaps und Toasts auf uns. Ein kleines Dejavú beschleicht uns. Aber unsere Sorgen sind zum Glück unbegründet. Als wir uns für die Nacht verabschieden wollen, stoppt der Hausherr uns. Es ist uns schon mal passiert, dass wir die Vorspeise für das Abendessen hielten. Für uns wird ein Nationalgericht gekocht. Wie noch mehr Essen? Auf einem großen Teller, ca 80 cm Durchmesser, wird gekochter Teig und Kartoffeln mit Rindfleisch in Tomatensoße serviert. Das ganze wird mit den Fingern gegessen. Das ist schon ziemlich lustig. Aber wir sind schon so satt, dass wir nicht mehr viel essen können.

Am nächsten Tag wollen wir Aktau erreichen. Endlich! Vorher präsentiert sich Kasachstan noch von seiner schönsten Seite. Das Wetter ist toll (wieder Sommertemperaturen!), die Landschaft lädt zum Träumen ein und sogar die Straße ist okay. Wir müssen nur ein kurzes Stückchen Schotterpiste fahren. Hier haben wir allerdings noch einmal Pech. Wieder einen Platten, wieder hinten rechts. Da Stephan das Reserverad schon vor ein paar Tagen einsetzen musste, bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Schlauch zu wechseln. Aber dazu muss er erst mal den Reifen runterkriegen. Wir haben Felgenschlösser drauf und die Schlüssel dazu sind in dem Werkzeugkasten, der uns geklaut wurde. Ein bisschen Fluchen und wild drauf rumhacken hilft. Stephan kriegt das hin und der Schlauch ist bald gewechselt. Und bei dem Bombenwetter ist das alles halb so schlimm. Kurz vor Aktau werden wir ein letztes Mal von der Polizei angehalten. Darin sind wir mittlerweile geübt. Passierte uns so 3-4 mal die Woche. Der nette Herr Polizist will wie die meisten nur einen neugierigen Blick auf unser Auto werfen.

Der Hafen ist schnell gefunden. Voraussichtlich fährt morgen früh oder abends die Fähre. Yippie! Um endlich wieder duschen zu können und weil wir uns in einer Stadt befinden, nehmen wir uns ein Hotel und stellen unser Auto auf einen bewachten Parkplatz ab. Am nächsten Tag ist der Himmel allerdings wolkenverhangen und es stürmt mächtig. Bei dem Wetter fährt die Fähre nicht. Wir müssen warten. Gut, dann können wir noch ein paar Besorgungen machen und unseren Reifen flicken lassen. Und da die Temperatur auch gleich um 20 Grad gesunken ist, gehen wir zum Basar und können für Jana günstig eine neue Winterjacke ergattern. Die Nacht verbringen wir im Auto am Hafen in der Hoffnung gleich am nächsten Morgen starten zu können. Hach, was war die Nacht romantisch! Wir müssen immer noch lachen bei dem Gedanken wie wir uns auf den Fußboden unseres Autos wie die Sardinen eingemümmelt haben. Das war schon ganz schön eng. An der breitesten Ecke hatten wir 70 cm Platz. So haben wir aber wenigstens nicht gefroren. Es war zu kalt und viel zu stürmisch, um das Dach aufzuklappen. Außerdem wollten wir mitten in der Nacht keinen Besuch von der Polizei kriegen.

Am nächsten Tag nachmittags um 4 Uhr dürfen wir endlich “aus- und einchecken”. Aus Kasachstan ausreisen dauerte länger als einreisen. Der Zoll nahm unser Auto genau unter die Lupe. Ständig kam ein neuer dazu und wollte gucken. Alle wollten die korrekten Schiffspapiere sehen. Diese wurden bereits in 9facher Ausfertigung gedruckt, als wir die Tickets für uns und unser Auto gekauft haben. Nachdem unser Auto mit einem Spürhund inspiziert worden war ,und Stephan die Routinefragen nach Waffen, Drogen und Spionage beantwortet hatte, musste er die Schiffspapiere nochmals einem anderen Herrn vorlegen, der wiederum eine weitere Kopie verlangte. Stephan musste ständig hin- und herlaufen. Der ganze “Grenzakt” natürlich Männersache! Jana durfte oder sollte aufs Schiff und amüsierte sich solange mit 2 Georgiern, die sie zum Tee einluden. Um 22 Uhr legte das Schiff endlich ab. Glücklicherweise bekamen wir eine Kabine mit Dusche und konnten uns richtig ausschlafen.

Kasachstan lag hinter uns. Das Land war schon ein harter Brocken für uns. Und leider konnte uns Kasachstan zum Ausgleich landschaftlich und kulturell nicht sehr viel bieten. Was Kasachstan bietet, ist vor allem Ruhe. Die findet man sicher in der Weite der Steppe. Auch werden wir die wunderschönen Tage in “unserem” Tal nicht vergessen, das Bummeln über die Basare und die Wanderung zum Shymbulak in Almaty. Und schöne Erlebnisse hatten wir vor allem mit den Menschen in Kasachstan, die uns mit so viel Gastfreundschaft empfangen haben. Kasachstan ist nicht unbedingt ein Land, in das wir wieder fahren würden. Zumindest nicht solange die Straßen nicht befahrbar sind. Aber letztendlich sollte man nur die schönen Erlebnisse in Erinnerung behalten und das tun wir auch.

Neues Land - Neues Glück: Aserbaidschan erreichten wir nach 20 Stunden Schiffsahrt. An der Grenze begrüßte man uns freundlich und vor allem englischsprechend! Ein netter Herr meinte zu uns, dass wir unsere Sachen aus dem Auto auf dem Laufband zum Scannen legen sollten. Ha ha, der Scherzkeks! Wie sollten wir denn das machen? Wir zeigten ihm unser Auto und ein flüchtiger Blick genügte ihm. Da es abends war und wir uns in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan befanden, nahmen wir uns ein Hotel. Am nächsten Morgen machten wir uns Richtung Iran auf. Die Landschaft in Aserbaidschan war toll. Endlich wieder Wälder, satte grüne Wiesen und im Hintergrund große Berge. Auch das Klima war wieder milder. Endlich war der Winter hinter uns. Wir hatten nur ein Transitvisum und sind am gleichen Tag bis zur Grenze nach Astara gefahren. Hier erwartete uns eine Riesenschlange LKWs. Wir schlängelten uns vorbei. Man winkte uns durch. Auch die Ausreise aus Aserbaidschan verlief ohne Probleme.

So, und nun kam der Iran. Die russische Ära lag nun endgültig hinter uns. Wir waren gespannt. Man macht sich ja vorher ein Bild, das auch unvermeidlich von den Medien geprägt ist. Dazu kommen die strengen Vorschriften und Verbote. Jana muss ein Kopftuch und ein knielangen Mantel tragen. Alkohol, Zeitungen mit leichtbekleideten Frauen (einschließlich Modezeitschriften) sind nicht erlaubt. Sexuelle Kontakte zwischen nicht Verheirateten sind streng verboten. Und, Gesten der Zuneigung in der Öffentlichkeit sind nicht wirklich gern gesehen.

Wir rechneten damit, dass unser Auto genauestens bis ins kleinste Detail unter die Lupe genommen wird. Irrtum! Ein kurzer Blick, abstempeln des Carnet de Passage und viel Spaß im Iran! Wir wurden nur aufgefordert, uns ein iranisches Nummernschild bei der nächsten Polizeistation zu besorgen, da wir uns länger als 10 Tage im Iran aufhielten. Alle waren nett. Jana hatte keinen Mantel, sondern nur eine große Strickjacke von Stephan an. Kein Problem. Und nun waren wir im Iran! Das besondere an dieser Grenze war, dass diese mitten durch die Stadt Astara verlief. Wir hatten also die Grenze passiert und nun waren wir auf einmal im iranischen Zentrum der kleinen Stadt am Kaspischen Meer. Und alles wirkte auf einmal so fremdartig. Wir waren in einer ganz anderen Welt.

Die Polizei hatte schon zu. Ramadan! (der Fastenmonat). Da sind die Behördenzeiten mitunter verkürzt. Nun gut, machen wir das eben morgen. Als wir am Strand einen Schlafplatz suchen, spricht uns ein Iraner auf englisch an. Faria lädt uns zu sich nach Hause ein. Wir kriegen Tee und Obst serviert. Äh, ist nicht Ramadan?, denken wir. Jana soll auch ihr Kopftuch und die Jacke ausziehen. Farias Frau kommt in T-Shirt und kurzem Rock und begrüßt uns herzlich. Faria klärt uns auf: Die meisten tragen nur in der Öffentlichkeit ein Kopftuch und zu Hause ist alles frei. Hier wird sich auch nicht an den Ramadan gehalten. Es gibt zwar keine Bars und Clubs im Iran. Dafür wird zu Hause aber um so heftiger gefeiert. Den Alkohol und andere Genussmittel bekommt man auf dem “Black Basar”. Die Polizei ist hier in vielen Dingen machtlos. Bis zur Revolution 1979 als Iran eine Islamische Republik wurde, war Iran ein fortschrittliches Land. 1979 kamen dann die vielen Verbote. Da das Volk aber vorher viele Freiheiten hatte, wird auf die Regierung immer ein kleiner Druck ausgeübt, so dass dem Volk mit den Jahren wieder einige Freiheiten zugestanden wurden. Seit 2-3 Jahren kann man zum Beispiel wieder Musikinstrumente kaufen und darf musizieren. Aber die gänzliche Freiheit wird noch viele Jahre dauern. Wie gepannt hören wir Farias Erzählungen zu. Mal sehen wie wir es später auf den Dörfern erleben werden. Später schlendern wir noch durch Astara und lassen uns beim Italiener verwöhnen. Auch hier begrüßt man uns sehr herzlich. Faria lädt uns ein und später schenkt er uns beim Verabschieden auch noch einen großen Beutel Obst. Wir sollen uns wohlfühlen im Iran.

Am Sonntag kriegen wir unsere Nummernschilder. Auch hier erhalten wir unerwartet Hilfe, so dass die Rennerei von einer Stelle zu nächsten ein Kinderspiel wird. Wir wollen in der Stadt einen Mantel für Jana besorgen. In Stephans Strickjacke ist es doch ein wenig warm. Wieder werden wir angesprochen. Fahdi, total happy uns zu treffen (wir sind nur verblüfft), bummelt spontan mit uns und zeigt uns einen Laden. Tja, und tolle Klamotten gibt’s im Iran. Da wird so manches Frauenherz schwach. Besonders Janas! Wir finden später auch ein Internetcafe. Juchu, gibt’s hier also auch. Bei einem Bäcker gibt’s frische Fladenbrote. Man kann zusehen und auf die warmen Dinger warten. Oh ja, so eins wollen wir auch! Wir werden vor den anstehenden Leuten rangenommen und müssen noch nicht mal was bezahlen. Welcome in Iran! Und ein Lächeln immer dabei.

Wir treffen uns später wieder mit Faria und bummeln wieder durch die Stadt. Dieses Mal wollen wir den Italiener bezahlen, keine Chance! Wir reden bis spät in den Abend. Es ist ein tolles Gespräch. Ein Mensch, der so weit weg von unserem Zuhause in einer ganz anderen Welt wohnt, hat die gleichen Ansichten wie wir, was das Leben, den Glauben und die Menschen angeht. Es ist unglaublich!

So unterschiedlich im Alter und den Erfahrungen und doch so gleich in den Meinungen. Liegt da nicht irgendwo die Wahrheit?

Iran wird schon am 2. Tag für uns unvergesslich.